Frei sein. Jetzt und für immer.

Am 2. April 2018 habe ich das letzte Mal in meinem Leben Alkohol getrunken.

Ich hatte diesen Vorsatz schon oft gefasst – und es gab auch mehr oder weniger lange alkoholfreie Phasen – aber diesmal spüre ich tief in mir drin eine andere Sicherheit, ein gutes Gefühl. Das hatte ich das letzte Mal vor rund 15 Jahren, als ich das Rauchen eingestellt habe. Nach etlichen erfolglosen Versuchen wusste ich an diesem Tag: Das war die letzte Zigarette meines Lebens (ich war Kettenraucher und habe täglich 30 bis 40 Zigaretten geraucht.) Die Entscheidung war auf allen Ebenen meines Seins klar. Und ich hatte nie wieder das Verlangen eine Zigarette zu rauchen.

So gehts mir gerade mit dem Trinken.

Kurz zu meiner Person und zu meiner Geschichte:

Ich bin Mitte 50, komme aus Berlin. Ich habe überlegt, ob es schlauer wäre, hier unter einem Pseudonym zu schreiben. Das hat Gründe: Aufgrund meiner beruflichen Position kennen mich unglaublich viele Leute, ich stehe oft in der „1. Reihe“ und muss Verantwortung tragen. Viele Leute, mit denen ich zusammen arbeite, gucken sehr genau, was ich tue. Ich bin mir nicht bei allen sicher, ob sie das Wissen über vermeintliche Schwächen und persönliche Offenbarungen nicht irgendwann gegen mich verwenden. Es gibt auch in meiner Branche so einige A****löcher, die sich gern auf Kosten anderer profilieren und sich nicht scheuen auch „unter der Gürtellinie“ zu agieren, wenn es für sie Vorteile verspricht. Und ich habe mir in den letzten Jahren auch so einige Feinde gemact, die sich sicher freuen, wenn sie jetzt mal richtig schön zurückhauen können…..

Aber ich habe mich dann doch dafür entschieden, dieses Risiko einzugehen und meinen Weg hier öffentlich zu machen.

Zum einen, weil ich mir irgendwann mal vorgenommen habe nichts mehr heimlich und versteckt zu machen, sondern zu dem zu stehen, was ich war, bin und sein werde. Zum anderen kenne ich unglaublich viele Leute, die – so wie ich in den letzten 30-35 Jahren – ziemlich riskant mit Alkohol umgehen. Nichts liegt mir ferner, als hier zu missionieren oder irgendjemand bekehren zu wollen. Aber ich möchte die Leute, die tief in sich spüren, dass da was ist, was sie sich mal näher angucken sollten, ermutigen es so zu machen wie ich: Offen(siv) und selbstbewußt hingucken, was wir da eigentlich tun und welche Folgen das für uns selbst und auch für andere hat. Ich will einen kleinen Teil dazu beitragen, das Thema „Umgang mit Alkohol“ zu entabuisieren. Wir alle sollten unsere Süchte und unser Konsumverhalten immer mal wieder reflektieren. Und wenn es Not tut, uns trauen gegenzusteuern. Und dann sollten wir uns öffnen und zusammenhalten….. So wie vor einigen Jahren auch das Thema „rauchen“ entzaubert wurde und zu einem ganz neuen Blick auf diese Sucht geführt hat, so hoffe ich, dass wir (individuell und als Gesellschaft) einen realistischeren und kritischeren Blick auf Alkohol entwickeln werden.

Ich trinke seit meiner Jugend gerne Alkohol. Fast ausschliesslich Bier, ab und an mal Wein. In letzter Zeit auch gern mal Whiskey. Und wie bei allen anderen Alkoholfreunden hat sich die Dosis im Laufe der Jahre kontinuierlich erhöht. Infolge privater Veränderungen gab es vor rund zwei Jahren nochmal einen kräftigen Schub. Ich habe zuletzt täglich 4 bis 6 halbe Liter Bier getrunken. Abends im Bett immer öfter auch gern noch einen Whiskey-Cola als „Schlaftrunk“. Und ich merke, dass mich dieser Konsum körperlich und psychisch überfordert. Meine Leistungsfähigkeit hat in den letzten Monaten merklich nachgelassen; meine körperliche Verfassung gibt Anlass zur Sorge – sagt mein Arzt mit Blick auf meine Blut- und Leberwerte. Und dass er Recht hat, sehe ich auch, wenn ich mir im Spiegel in die Augen sehe. Und auf meinen Bauchumfang.

Ich habe die Schnauze voll. Ich habe keine Lust mehr mit dieser dunken Wolke über meinem Kopf zu leben. Ich will nicht ständig mit der Angst leben, dass mich eine Sucht irgendwann mal beherrscht oder ich irreparable körperliche Schäden davon trage. Ich will kein Pfefferminz mehr lutschen, bevor ich mich mit Kollegen oder Freunden oder meiner Familie treffe. Ich möchte keine Schleichwege mehr fahren, wenn ich spät abends mit mehr als 0,5 Promille im Blut mit dem Auto nach Hause fahre. Ich will leben. Ich will frei sein.

Ich will den Rest meines Lebens alkoholfrei leben.

Deshalb also Anfang April das letzte Mal in meinem Leben Alkohol. Ich bin auf Höhen und Tiefen vorbereitet, hatte auch schon einen Termin bei einer Suchtberatungsstelle. Das erste Mal in meinem Leben. Es war gut. Ich werde da wieder hingehen und wahrscheinlich auch eine ambulante Therapie machen und eine Gruppe besuchen. Ich glaube, dass das ein guter Weg ist, mich ein bisschen intensiver mit meinen Wurzeln, meiner Biografie und meinen Bedürfnissen zu befassen – und vor allem hoffe ich auf Unterstützung, wenn die Motivation mal im Keller ist……

In diesem Blog möchte ich über meine Erfahrungen in meinem neuen alkoholfreien Alltag berichten. Ich würde mich über Kommentare, Anregungen, eigene Erfahrungen von Mitlesenden und über jedwedes Feedback sehr freuen.

Thomas

7 Antworten auf „Frei sein. Jetzt und für immer.

  1. Lieber Thomas,
    meinen größten Respekt für Deine Offenheit und Deinen Umgang mit dem Thema Alkohol!
    Walk on, singt man bei uns im Fußballwohnzimmer!
    Auf die Zukunft, das Leben und das Wiedersehen! Ich freue mich sehr darauf!
    Thorsten

    Gefällt 1 Person

  2. Lieber Thomas,

    ich kann dir etwas versprechen: Du hast einen Weg vor dir, der Streckenweise nicht einfach ist, aber mit jedem Tag wunderbarer wird. Und eigentlich weißt du das auch, weil du es mit der einen Sucht schon erlebt hast. Es ist eine „einmalige Entscheidung“ – mit ihr ist der Weg klar. Fällt man zurück, war die Zeit nicht reif dafür. Ich habe diese Entscheidung vor 19 Jahren getroffen und sie nie bereut. Dem Alkohol nie abgeneigt, hat mich meine Lebenskrise zu dieser Entscheidung gebracht. Ich ging ins Krankenhaus und wusste, es ist vorbei. Das hat mir damals noch niemand geglaubt, aber ich habe es bewiesen. Damals sollte ich mir alle diese Gruppen ansehen. In einer hatte ich ein entscheidendes Schlüsselerlebnis. Bei den AA stellten sich alle vor. Eine Frau sagte: „Ich heiße Sowieso und leide jetzt seit 7 Jahren und dieses Leiden hilft mir durchzuhalten.“ Ich saß da und dachte: „Nein – ich mache nicht diesen ganzen Mist hier durch um mein Leben lang zu leiden! Ich will mein Leben genießen!“ Ich beschloss keine Gruppe zu besuchen und Versöhnung mit meinen Gründen, die dazu führten, zu finden. Ich denke, spätestens der Tag war der Grundstein für meine positive Lebenseinstellung … und so halte ich es bis heute! So schlimm kann es nicht mehr kommen. Ich habe meinen Alkoholismus nicht öffentlich gemacht, aus Schutz meiner Kinder. Am 20. Jahrestag werde ich es öffentlich machen (ist es ja jetzt auch 😉 ). Allerdings habe ich in persönlichen Gesprächen nie damit hinterm Berg gehalten und – nie, wirklich nie schlechte Erfahrungen gemacht, eher Anerkennung erhalten. Aber: Wenn die Leute nicht wissen, dass ich betroffen bin, habe ich oft erlebt, dass abfällig darüber geredet wird. Es ist immer noch nicht in den Köpfen, dass es de facto eine Krankheit ist. Es ist ein Makel, wenn es in der Familie vorkommt und wird als Versagen empfunden, wenn es einem selber passiert. Es muss öffentlich werden und ein gesellschaftsfähiges Thema werden – wunderbar dein Plan! Ich habe Wein, Bier und Schnaps im Haus, ich gieße jedem ein Bier ein und rieche gern auch mal im Lokal, wie der Likör riecht. Es ist aber nicht mehr meins. Ich hatte nie mehr das Bedürfnis Alkohol zu trinken und musste nie darum kämpfen, nicht zu trinken. Das Urvertrauen in mich durch Familie und Freunde ist wieder intakt und eigentlich interessiert es bei mir keinen mehr. Es war vor 19 Jahren im Kopf vorbei und seither hat sich jeder Tag, auch wenn er mal nicht zum Lachen war, gelohnt!

    Dazu zu stehen, sogar öffentlich von Anfang an, ist keine Schwäche, sondern charakterliche Stärke, die vielen helfen wird! Chapeau!

    Anna

    Gefällt 2 Personen

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